Angeborene Geschlechtsunterschiede

Zusammenfassung:
– fast in jeder Studie wird das Geschlecht als Variable mit getestet (Geschlechtsunterschiede als Mega-Promis von Studien)
– allein durch die enorme Menge an Tests wird man signifikante Unterschiede finden – ob sie existieren, oder nicht
– es ist schwer nachzuvollziehen, inwieweit Geschlechtsunterschiede angeboren oder sozialisiert sind

Themenübersicht:
Geschlechtsunterschiede als Mega-Promis
Wer sucht, der findet
Wahre angeborene Geschlechtsunterschiede
Interaktion von Anlage, Sozialisierung und Stereotyp
Nochmal?

Geschlechtsunterschiede als Mega-Promis

Welche Frau braucht sie nicht – die Bratwurst speziell für Frauen. Auch Gewürzgurken gibt es getrennt nach Geschlecht. Nicht, dass sich das Produkt irgendwie unterscheidet, aber der Sticker auf dem Glas ist anders. Was sollen die verzweifelten Marketing-Teams auch tun, wenn ihre Aufgabe ist, die Zielgruppe weiter zu spezifizieren. Konsument nach ihrem Kaufverhalten zu analysieren ist kompliziert und aufwendig und Geschlecht zieht doch immer, oder?

Was würden Comedians tun, wenn sie nicht Verhaltensdispositionen der Geschlechter ins Lächerliche übertreiben könnten? Sag einfach entsprechend pointiert das Wort “Frauen” nach irgendeinem Satz und es werden ein paar Leute anspringen. Geschlecht zieht doch immer, oder? News-Artikel, Bücher, Kaffeeklatsch. Geschlechtsunterschiede als Thema – das zieht doch immer, oder?

Sie sind Mega-Promis in allen Bereichen unserer Gesellschaft und wie das bei echten Stars eben ist, wird man ungefragt von Informationen über sie überschüttet. Unter ihnen verbirgt sich nur wenig Wahrheit und stattdessen bis zur Unkenntlichkeit aufgeputschte und teils schlichtweg falsche Geschichten. Durch die ständigen Anstöße, Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu sehen, wird unser Gehirn darauf trainiert. Wir übersehen die Masse an Gemeinsamkeiten und fokussieren uns auf tendenziellen Unterschiede.

Unser Gehirn – selbst wenn das Bewusstsein ab und zu einschreitet – saugt alles brav auf. Angesichts der Menge an Wiederholungen kann sich unser Unterbewusstsein kaum wehren, die übertriebenen Geschlechtsunterschiede auf die gleiche Etage zu setzen wie Faktenwissen. Informationen, die wir oft genug hören, glauben wir, selbst wenn wir der Informationsquelle nicht vertrauen. Tatsächlich vergessen wir die Quelle und speichern einfach die Informationen. Und bevor wir uns versehen, kaufen wir plötzlich Bratwürste entsprechend unserem Geschlecht.

Wer sucht, der findet

Und da hört es noch gar nicht auf. Auch Forscher schauen sich standardmäßig in Tests an, ob es im Verhalten der Geschlechter einen Unterschied gibt. Nehmen wir zum Beispiel Folgendes an: Ich habe bei ganz vielen Menschen die Zeit gemessen, die sie brauchten, um einen bestimmten Zaubertrick zu lernen. Im Schnitt brauchten die Teilnehmer drei Stunden Lernzeit, um den Trick sauber vorzuführen. Einige brauchten nur eine knappe Stunde, andere den ganzen Tag. Nun möchte ich wissen, ob es innerhalb aller Teilnehmer bestimmte Gruppen gibt, die besonders schnell gelernt haben. Anderen Zauberern sollte es zum Beispiel leichter fallen als Anfängern, einen neuen Trick zu lernen. Fast immer schauen sich Forscher dann eben auch an, ob es Geschlechtsunterschiede gibt. Wie gesagt, Geschlecht geht immer.

Da gibt es nun ein Problem. „Von 20 Tests auf Geschlechterdifferenzen liefert einer sicher ein statistisch signifikantes Ergebnis – auch ohne dass es einen Unterschied zwischen den Gruppen gibt“ sagt Cordelia Fine, Neurowissenschaftlerin an der University of Melbourne in Australien1. Desto mehr wir nach Unterschieden auf einem Merkmal (Geschlecht) suchen, desto mehr Unterschiede werden wir auch finden – unabhängig davon, ob sie existieren. Klar, bei jedem Test gibt es eine minimale Fehlerwahrscheinlichkeit. Wenn ich nun unzählige Tests auf der Dimension Geschlecht durchführe, werden mir einige davon fälschlicherweise signifikante Unterschiede belegen.

Wahre angeborene Geschlechtsunterschiede

Wie finden wir nun bei all der Fehlinformation zurück zum Wissen über tatsächlich angeborene Geschlechtsunterschiede? Zunächst sind diese Begriffe und ihr Zusammenspiel wichtig:

Anlage… meint unsere genetische Anlage. Unterscheidet sie sich systematisch zwischen den Geschlechtern, sprechen wir von angeborenen Geschlechtsunterschieden.
Sozialisierung… bezieht sich auf Geschlechtsunterschiede, die wir aufgrund des Einflusses unserer Umwelt erlernt haben.
Anlage + Sozialisierung… die Summe aus angeborenen und erlernten macht die vorhandenen Geschlechtsunterschiede aus.
Stereotype… bezieht sich auf weit verbreite Rollenbilder über die Geschlechter, die nicht der Realität entsprechen. Oft liegt der Ursprung für Stereotype in tatsächlichen Unterschieden, die dann pauschalisiert und überdimensioniert wurden und am Ende nichts mehr mit der Realität zu tun haben.

 

 

*Die gewählten Zahlen sind ausgedachte Beispiele und dienen nur der Veranschaulichung.

Das Kreisdiagramm visualisiert, dass nur ein geringer Anteil an Geschlechtsunterschieden angeboren und ein größerer Teil von unserer Gesellschaft erlernt ist. Vor allem zeigt die Visualisierung, dass Stereotype zu Geschlechtsunterschieden zum größten Teil falsch sind. Es wirken verschiedene Effekte der menschlichen Psyche zusammen, wenn wir Unterschiede pauschalisieren und überdimensionieren.

Interaktion von Anlage, Sozialisierung und Stereotyp

Wenn wir Geschlechtsunterschiede beobachten, ist schwer festzustellen, ob und inwieweit diese angeboren oder erlernt sind. Theoretisch müsste man Menschen in völliger Isolation aufwachsen lassen, um auszuschließen, dass sie ein Verhalten aus ihrer Umwelt erlernt haben. Kinder lernen einerseits am Modell durch Nachahmung, aber auch durch wahrgenommene Erwartungshaltungen des Umfeldes. Wenn ich beispielsweise in der Kirche hüpfe, wird mir mein Umfeld schnell zu verstehen geben, dass mein Verhalten nicht angebracht ist.

In vielen Fällen sind angeborene und sozialisierte Geschlechtsunterschiede nicht unabhängig voneinander, sondern oft wird ein angeborener Geschlechtsunterschied zusätzlich sozialisiert. Nehmen wir an, ein Junge hat eine angeborene Disposition zum Gitarre spielen. Er zeigt von sich aus Interesse am Instrument. Seine Eltern lernen von seinem Talent und möchten ihn fördern. Sie entschließen sich, ihn Gitarrenunterricht nehmen zu lassen. Das angeborene Interesse des Jungen wird zusätzlich durch seine Eltern sozialisiert.

Beispiel einer Interaktion von Anlage, Sozialisierung und Stereotyp

Jetzt nehmen wir an, Jungen hätten im Vergleich zu Mädchen ein größeres Interesse am Gitarre spielen. Sagen wir, es seien im Schnitt über alle deutschen Kinder 25 Prozent der Mädchen und 30 Prozent der Jungen am Gitarre spielen interessiert. Niemand würde sich die konkreten Zahlen merken. Stattdessen würde sich der Stereotyp prägen „Jungen spielen gerne Gitarre“. Nun schenken Eltern ihren Kindern nur dann Gitarrenunterricht, wenn sie glauben, es hätte Interesse am Gitarre spielen. Im Ergebnis würden dann 50 Prozent der Jungen und 5 Prozent der Mädchen Gitarrenunterricht bekommen. Der angeborene, vergleichsweise kleine Geschlechtsunterschied im Interesse am Gitarre spielen von 25 Mädchen versus 30 Jungen hätte sich durch Wirkung des Stereotyps und Sozialisierung durch die Eltern auf 5 Mädchen versus 50 Jungen dramatisiert.

In der Realität würde der Stereotyp nicht nur indirekt über die Eltern, sondern zudem direkt auf die Kinder wirken. Würde das Gitarre spielen als Jungenaktivität gelten, hätte das bereits Einfluss auf die Präferenzen von Mädchen und Jungen. Mädchen hätten Grund zu glauben, dass sie sowieso nicht gut wären und wenn man nicht gut ist, macht es auch keinen Spaß. Stereotype prägen die Normen innerhalb einer Gesellschaft und die Population nähert sich daraufhin tatsächlich dem Stereotyp an. Man spricht in diesem Fall von einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Nochmal?

Warum macht Happy Jona Geschlechtsunterschiede, wo sie doch schon Mega-Promis sind, denn jetzt nochmal zum Thema? Leider ist es nicht möglich, den Teil der Stereotype einfach wegzunehmen, den unsere Gesellschaft angedichtet hat. Stattdessen müssen wir bei Null anfangen und neu lernen, welche Geschlechtsunterschiede tatsächlich angeboren sind, um zu begreifen, was alles Stereotype sind.

Auf der Suche nach Fakten:

Welche Geschlechtsunterschiede sind tatsächlich angeboren? Wir haben uns Studien zu angeborenen Geschlechtsunterschieden in folgenden Bereichen angeschaut:

  1. Evolution von Geschlechtsunterschieden
  2. Warum überhaupt 2 Geschlechter?
  3. Parentale Investition
  4. Paarungsmotivation und Werbestrategie
  5. Monogamie und Treue
  6. Kognitiven Leistung
  7. Selbstwert
  8. Selbsteinschätzung
  9. Empathie
  10. Moral
  11. Dominanz
  12. Aggressivität
  13. Hormone

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Wir gehen der Frage auf den Grund, was es bedeutet, dass Geschlechtsunterschiede angeboren sind!

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Quellen:  1. spektrum.de Abruf 19.07.2019