Selbstwert -Tendenzen der Geschlechter

Selbstwert -Tendenzen der Geschlechter

Zusammenfassung:
Tendenzen im weiblichen Geschlecht:
– Unterschätzung der eigenen Leistung
– Misserfolge werten gewertet, aber nicht Erfolge
– Minderwertigkeitskomplex
Tendenzen im männlichen Geschlecht:
– Überschätzung der eigenen Leistung
– Erfolge werten gewertet, aber nicht Misserfolge
– zusätzliche Aufwertung durch das Umfeld → Selbstüberschätzung

Themenüberblick:
Der Selbstwert
Angeborene Tendenzen
Soziale Verstärker


Die Happy Jona – Werte:

Gleichheit   ✓ Ehrlichkeit   ✓ Respekt   ✓ Neugier   ✓ Empathie


Wawra 2004 (nach Bischof-Köhler 2006) konnte in ihrer Doktorarbeit zeigen, dass sich Männer in Einstellungsgesprächen selbstsicherer verkaufen und sich als kompetent darstellen, während Frauen eher auf ihre Schwächen eingehen. Woran liegt das?

Der Selbstwert

Wie es der Name verriet, ist der Selbstwert die Bewertung der eigenen Person und somit eng verknüpft mit dem Ego (Ich, das Selbst). Synonyme sind Selbstwertgefühl, Selbstachtung oder im allgemeinen Sprachgebrauch auch Selbstbewusstsein. Potreck-Rose und Jacob unterscheiden vier Säulen des Selbstwertes¹:

Selbstakzeptanz, Selbstvertrauen, soziale Kompetenz und soziales Netz

Der Selbstwert einer Person dient als Indikator für ihre soziale Integration, da er sich ableitet aus den Rückmeldungen unserer Umwelt. Auch Stereotype und Selbstwert haben eine Verbindung. Indem ich mich oder meine Gruppe aufwerte auf Kosten anderer, erhöhe ich den Wert meiner Gruppe und meinen Selbstwert. Leider ist somit ein Anreiz gegeben, fremde Gruppen mit negativen Wertungen zu versehen und Vorurteile zu bilden.

Laut Marcia (1980) entwickelt sich der Selbstwert einer Person abhängig von ihrem Identitätstypen und dieser Zusammenhang ist unterschiedlich bei den Geschlechtern. Welche Identitätstypen sie unterscheidet und welche Interaktion zwischen Geschlecht und Identitätstyp stattfindet, haben wir » hier extra behandelt.

Angeborene Tendenzen

Soziales Interesse

Studien geben Hinweise darauf, dass im weiblichen Geschlecht ein höheres soziales Interesse angeboren ist. Beispielsweise schauen Mädchen bereits ab der Geburt eher in Richtung menschlicher Stimmen als Jungen und halten zudem länger Blickkontakt. Diese Beobachtungen legen nahe, dass Mädchen ihren Selbstwert in höherem Maße von ihren sozialen Beziehung abhängig machen als Jungen, die sich eher über ihre individuelle Leistung definieren². Dazu passen weitere Befunde, nach denen Frauen Bewertungen anderer ernst nehmen, während Männer dies kaum oder gar nicht tun³.

Leistungseinschätzung

Jungen neigen dazu, ihre Leistung deutlich besser einzuschätzen, als sie tatsächlich ist. Mädchen hingegen zeigen bessere Leistungen, als sie sich selbst zutrauen. Sehr ausführlich dokumentiert hat das BBC in ihrer Dokumentation “No more boys and girls”.


Mehr zum Thema der Über- und Unterschätzung der Geschlechter

Überschätzt
Einschätzung der eigenen Leistung

 

Man würde denken, dass sich die Selbsteinschätzung der Kinder mit Erfahrung schnell an ihre tatsächliche Leistung annähert. Wenn Mädchen mehrmals besser waren als sie gedacht hatten, werden sie doch beim nächsten Mal ihre Leistung höher einschätzen. Genauso müssten Jungen lernen, ihre Selbsteinschätzungen nach unten zu korrigieren.

Kausalattribution von Erfolg und Misserfolg

Voraussetzung für ein solches Lernergebnis wäre, dass die Kinder das Ergebnis ihrer Leistung zuschreiben. Ein Mädchen müsste verstehen, dass ihre Leistung Ursache für ihren Erfolg ist. Nun zeigen Mädchen aber eine Tendenz, den Grund für ihre Erfolge in äußeren Umständen zu sehen. Im Fall einer sehr guten Leistung sagt sich ein Mädchen beispielsweise, dass die Schiedsrichter zu ihrem Vorteil gepfiffen hätten. Jungen hingegen haben die Neigung, Erfolg ihrer eigenen Kompetenz zuzuschreiben, Misserfolg hingegen äußeren Umständen. Wenn sie in einem Rennen nicht erster sind, glauben sie beispielsweise, dass andere Kinder bessere Schuhe hatten. Von daher gibt es ja keinen Grund, die Selbsteinschätzung nach unten zu korrigieren.

Die bisherigen Erkenntnisse nochmal in kurz:

MädchenJungen
Selbsteinschätzungzu geringzu hoch
Attribution von Erfolgexternalinternal
Selbstwertgering und fallendhoch und steigend

Die angeborenen Tendenzen zum Selbstwert sind bei keinem Geschlecht ideal. Eine Selbstüberschätzung führt zu Frustrationen, weil man seine eigenen Erwartungen nicht erfüllt. Die externale Attribution von Misserfolg hindert Jungen zudem daran, ihre Schwächen zu erkennen. Sie halten sich selbst davon ab, aus ihren Fehlern zu lernen. Mädchen schreiben ihren Leistungen nur Misserfolge zu Buche. Ihr geringer Selbstwert fällt weiter in den Keller. Als Konsequenz trauen sie sich vieles nicht zu und probieren es gar nicht erst. Irgendwann sind sie dann aufgrund der fehlenden Lernerfahrung tatsächlich schlechter als andere.


 

Mehr zum wichtigen Thema der sogenannten Kausalattribution von Erfolg und Misserfolg:

Kausalattribution von Erfolg und Misserfolg
Kausalattribution von Erfolg und Misserfolg

Soziale Verstärker

Nun beeinflussen die beschriebenen Effekte nicht nur direkt den Selbstwert der Kinder. Erwachsene wirken als zusätzliche Verstärker und geben ihre Stereotype als Vorbild, über Erwartungshaltung oder durch ihr Verhalten an die Kinder weiter. Beispielsweise erwarten Mütter eine höhere körperliche Leistung von Jungen. Obwohl sie am Ende Jungen genauso oft helfen wie Mädchen, halten sie Mädchen für hilfsbedürftiger⁴. Vermutlich haben die Mütter einen Stereotyp verinnerlicht, nachdem Jungen selbstständiger und leistungsfähiger sind.

Beobachtungsstudien zeigen weiterhin, dass Mütter in ihrem Lob an Söhne eher deren Kompetenz erwähnen und sie somit zur internen Attribution von Erfolg anregen (“Ich wusste doch, dass Du ein Mathe-Genie bist”). Bei Mädchen fehlt ein solcher Hinweis einfach (“Es freut mich, dass Du die eins geschafft hast”) und somit die Möglichkeit, Erfolge mit ihren eigenen Fähigkeiten in Verbindung zu bringen.

Lob und Tadel als soziale Verstärker

Mädchen verhalten sich in den ersten Jahren tendenziell angepasster als Jungen, weil sie nach der Geburt im Schnitt neuronal reifer sind. In Folge müssen Eltern sie seltener ermahnen. Gleichzeitig loben sie Töchter auch seltener, da sie ihr angepasste Verhalten gewohnt sind. Da das positive Verhalten keine Beachtung erfährt, hat das Kind auch hier weniger die Möglichkeit, einen Zusammenhang zwischen einem positiven Ergebnis und dem eigenen Verhalten herzustellen. Das bedeutet, Mädchen bekommen weniger Lob und weniger Tadel – weniger Aufmerksamkeit. Wenn sich das Mädchen dann aber mal unangepasst verhält, sticht dieses Verhalten hervor und ruft auch schnell eine Reaktion hervor. Solche Tadel nehmen sich Mädchen deutlich mehr zu Herzen als Jungen, die tendenziell eine Flut von Tadeln gewohnt sind⁵.

Und auch Märchen zeigen Kindern ein einseitiges Bild. Männer nehmen ihr Glück in die eigene Hand („Hans im Glück“), während Frauen gerettet werden oder höchstens für Fleiß belohnt werden („Pech-Marie“).


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Quelle:

  1. wikipedia.org Abruf 16.06.2019
  2. Bischof-Köhler „Von Natur aus anders“ 2006, S. 231
  3. Roberts, 1991
  4. Bischof-Köhler 2006, S. 253
  5. Bischof-Köhler 2006, S. 254