Gender - Das soziale Geschlecht

Gender – das soziale Geschlecht

Zusammenfassung:
– das soziale Geschlecht (Gender) bezeichnet dessen Rolle in der Gesellschaft
– diese Rollen unterscheiden sich über Kulturen und Zeit
– wir vermitteln Kindern und jungen Erwachsenen sich widersprechende Gender-Bilder
– ursächlich ist das Festhalten an überholten Stereotypen

Themenübersicht:
1. Was ist ein soziales Geschlecht (Gender)?
2. Abgrenzung zum biologischen Geschlecht („gender“/ „sex“)
3. Kulturübergreifende Gendernormen
4. Erlernen gender-konformen Verhaltens
5. Gender als Antiquität
6. Ein genderfreies Ideal

Unsere Gesellschaft vermittelt jungen Erwachsenen grenzenlose Möglichkeiten im digitalen Reich. Gleichzeitig definieren wir aber für Kinder durch eine pink-blaue Welt starre Geschlechterwelten, die auf Stereotypen beruhen. Diese vorgegebenen sozialen Geschlechterrollen (Gender) grenzen nicht nur die Entwicklung der Kinder ein, durch die enthaltenen Wertungen haben sie zusätzlich einen ungesunden Einfluss auf ihren Selbstwert. Diese widersprüchliche Botschaft zeigt, dass wir an überholten Geschlechterrollen festhalten.

1. Was ist ein soziales Geschlecht (Gender)?

Das soziale Geschlecht (Gender) bezeichnet die Rolle, die eine Gesellschaft einem Geschlecht zuordnet. Die Weltgesundheitsorganisation bezeichnet Gender als sozial konstruierte Merkmale von Frauen und Männern, wie geschlechtsspezifische Normen, Rollen und Beziehungen. Zudem ist das soziale Geschlecht dadurch definiert, dass es sich über verschiedene Kulturen, aber auch innerhalb einer Kultur über Zeit stark verändern kann.

Veränderung von Gendernormen über Zeit

Es gibt unzählige Beispiele für Normen und Eigenschaften, die zunächst streng einem Geschlecht zugeordnet waren und später dem anderen. Zu beiden Zeitpunkten hätte man die andere Version für unmöglich gehalten. Ein solches Beispiel sind Absatzschuhe, die ursprünglich für die Jagd auf dem Pferd entwickelt wurden und normalerweise von Männern getragen wurden.

Vor den Weltkriegen war es für Kinder beider Geschlechter üblich, weiße Kleidchen zu tragen (zu lesen in “Pink and Blue: Telling the Boys from the Girls in America“ von Jo B. Paoletti). Dieses Outfit galt als gender-neutral, da es damals keinen Rückschluss auf das Geschlecht zuließ. In jungen Jahren vereinfachte es praktischerweise zudem das Windeln wechseln. Außerdem konnte man das Weiß einfach wieder bleachen. Kinder trugen es bis zu einem Alter von etwa acht Jahren. Hier zu sehen ist beispielsweise Franklin Roosevelt (bekannt auch als FDR) 1884 in New York:

Franklin Roosevelt (1884) in a dress as was normal
Franklin Roosevelt 1884

2. Abgrenzung vom sozialen („gender“) zum biologischen Geschlecht („sex“)

In der englischen Sprache unterscheiden sich die Begriffe für das biologische Geschlecht (“sex”) und das soziale Geschlecht (“gender”), welches sich inzwischen auch im Deutschen durchgesetzt hat. Das biologische Geschlecht ist definiert durch anatomische und genetische Unterschiede, als auch angeborenen Verhaltensunterschiede der Geschlechter.

Das soziale Geschlecht findet in der Regel einen (wenn auch sehr weiten, nicht faktenbasierten) Ursprung in biologischen Geschlechtsunterschieden.

Was genau gibt uns die Biologie denn vor?

Frauen gebären Kinder. Das war es auch schon. Frauen können Kinder gebären, Männer nicht.

Da die Frau das Kind trägt, hat sie von Anfang an die höhere Investition pro Nachkomme (man spricht von einer asymmetrischen parentalen Investition zwischen Frau und Mann). Und laut Evolutionstheorie ist dadurch ihre Motivation höher, die Chancen des einzelnen Nachkommen zu erhöhen und eine hervorragende Brutpflege zu leisten. Sämtliche angeborene Geschlechtsunterschiede sind auf diese asymmetrische parentale Investition zurückzuführen und hier im Einzelnen besprochen:

congenital gender differences- Happy Jona

Angeborene Geschlechtsunterschiede

Falls tatsächlich angeborene motivationale Unterschiede zwischen den Geschlechtern bestanden, könnten sie einen Einfluss auf die Geschlechterrollen innerhalb der Gesellschaften gehabt haben.

Biologisches oder soziales Geschlecht – Henne oder Ei?

Was war zuerst da – der biologische Unterschied der Geschlechter oder die Rolle, auf die sich die Geschlechter spezialisierten? Unsere zugrundeliegende Frage ist, ob man durch Umstellen der Geschlechterrollen auch biologische Aspekte beeinflussen kann. Die Antwort ist ja!

Das sogenannte “Brutpflegehormon” Prolactin produzieren Mensch als auch Tier und sowohl Mütter als auch Väter. Papas sind deswegen tatsächlich ein wenig mit schwanger und werden ebenfalls vorbereitet, Verantwortung für ein Kind zu übernehmen. Bei ihnen verdrängt das Brutpflegehormon das Sexualhormon Testosteron. Interesse zu rivalisieren löst sich ab gegen Bedürfnisse, das Baby zu halten, füttern und Windeln zu wechseln.

Die Netflix Serie „Das erste Lebensjahr“ zeigte erstmals, dass Papis, die sich viel mit ihrem Baby beschäftigen, die gleichen Oxitozin-Level wie Mamis erreichen. Zudem steigt die Amygdala-Aktivierung (steuert das Sorgen-Machen) auf das gleiche Level bei Papis und sogar nicht-biologischen Personen wie bei den Mamis, wenn sie die Rolle der Hauptbezugsperson übernehmen.

3. Kulturübergreifende Gendernormen

Unterschiedliche Normvorstellungen für die Geschlechter, die über die Fortpflanzung hinaus gehen, gibt es in jeder Kultur. Als typisch männliche Tätigkeiten gelten bis heute eher körperlich anstrengende Arbeiten, für die Kooperation notwendig ist und die einen größeren Bewegungsradius beanspruchen. Dazu gehören das Jagen großer Tiere, Kriege führen, Herstellung von Waffen, Fertigung von Musikinstrumenten, Umgang mit Viehherden, Fischerei sowie Vorbereitungsarbeiten für den Ackerbau.

Als typisch weiblich galten und gelten bis heute eher individuelle Arbeiten, die geringere Mobilität erfordern. In manchen Kulturen gehört aber auch das Wasser holen und Lasten tragen zu den weiblichen Tätigkeiten, obwohl es körperlich sehr beanspruchend ist und erfordert, eine hohe Distanz zurückzulegen und damit nicht vereinbar ist mit der Kinderbetreuung. Eher weibliche Aufgaben sind Kinderbetreuung, Kochen, Wasserholen, Herstellen/ Reparieren von Kleidern, Töpferei, Getreidemahlen von Hand, Lastentragen, Sammeln von Nahrung, Pflanzen und Ernten von Früchten, Feuermachen- und unterhalten (nach Rudolph 1980).

Zeiten und Kulturen, die untypische Beispiele zeigen: 

  • nach dem zweiten Weltkrieg übernahmen die sogenannten “Trümmerfrauen” den Wiederaufbau der Stadt, während sich die meisten lebenden Männer vom Krieg erholen mussten. Sie führten Trambahnen und beseitigten die Trümmer, die der Krieg hinterlassen hatte
  • Mead, 1935 (nach Bischof-Köhler, 2006 S. 280) beobachtete viele Kulturen und fand:

→ bei den Arapesh (Neu Guinea) sind beide Geschlechter gütig, sanft und friedfertig. Wenn Männer Führungsrollen übernehmen, dann nur unwillig

→ bei den Tschambuli sind Frauen aktiv und zielstrebig, schmucklos, die sexuell Aggressiveren und zudem die Hauptversorger der Familien. Männer gehen hingegen künstlerischen Tätigkeiten nach, schmücken sich, üben Tänze ein und kümmern sich vornehmlich um die Kinder. Ihr emotionales und psychisches Wohlbefinden ist abhängig von den Frauen und ihren Werten.

4. Erlernen gender-konformen Verhaltens

Gender und Rollenverständnis lernen Kinder einerseits am Modell. Sie identifizieren sich mit Gleichgeschlechtlichen, beobachten ihr Verhalten und übernehmen ihre Meinungen, Werte und Tätigkeiten. Andererseits lernen Kinder ihren Selbstwert und welche Normen für sie gelten anhand der Rückmeldungen aus ihrem Umfeld. Wenn die Gesellschaft unterschiedlich auf Kinder reagiert, entwickeln sie sich unterschiedlich.

Low, 1989 untersuchte Erziehungsideale über alle Kulturen hinweg und stellte fest, dass Mädchen kulturübergreifend eher Werte wie Verantwortlichkeit, Gehorsam, Fleiß und Keuschheit beigebracht wurden. Für Jungen hingegen galt aggressives, tapferes und selbstständiges Verhalten den Idealen. Die Betonung dieser geschlechtsdifferenzierenden Werte war in Kulturen geringer, in denen Frauen größeren ökonomischen oder politischen Einfluss hatten.

Selbsterfüllende Prophezeiung

Als sich selbsterfüllende Prophezeiung bezeichnet man den Effekt, dass allein die Erwartung an etwas Ursache ist, dass es dann tatsächlich passiert. Wenn wir eine bestimmte Erwartungshaltung an Kinder haben, sorgen wir bewusst und unbewusst dafür, dass sie sich in die entsprechende Richtung entwickeln. Ein gut untersuchtes Beispiel dafür sind MINT-Fächer.

Der männliche Überschwang in MINT Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) ist genauso wenig durch angeborene Tendenzen der Geschlechter zu erklären wie die überwiegende Mehrheit an Studentinnen im Fach Psychologie. Mädchen probieren sich in “Jungenfächern” oft gar nicht erst aus, weil ihnen suggeriert wird, dass sie nicht gut darin sind.

Die Gendervorstellungen unserer Gesellschaft prägen die Entwicklung unserer Kinder und schränken sie damit ein.

Eine Studie der Universität Zürich zeigt, dass Männer nicht von Natur aus egoistischer agieren, sondern diese Verhaltenstendenz über das soziale Geschlecht erlernt haben. Jungen stoßen eher auf positives Feedback, wenn sie sich ´durchsetzen´, Mädchen hingegen, wenn sie teilen. Diese Belohnungslogik festigt sich bei den Kindern dann auch neurobiologisch. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass das Belohnungssystem bei Frauen eher bei prosozialem, bei Männern aber bei egoistischem Verhalten anspringt.

Im Umkehrschluss bedeutet das, wenn wir Kinder generell für prosoziales Verhalten loben, teilen sie auch im Erwachsenenalter gerne. 

5. Gender hat ausgedient

Vielleicht hing zu Zeiten von Jägern und Sammlerinnen das Überleben unserer Spezies von einer effizienten Rollenaufteilung der Geschlechter ab. Vielleicht hat sich Aufteilung der Aufgaben aber auch eher zufällig entwickelt oder war sogar ganz anders, als wir es uns zusammengereimt haben. Besonders seit der Industrialisierung haben sich unsere Möglichkeiten exponiert und eine Rollenaufteilung überflüssig gemacht. Staubsauger, Mähdrescher, Mikrowelle und Schienenverkehr veränderten die Regeln unserer Gesellschaft.

Heute leben wir in einer Zeit, in der wir dringlich Ingenieure brauchen, lassen aber das Potenzial der halben Population verkümmern, indem wir es der männlichen Rolle zuschreiben. Wir wissen, dass mehr Frauen in Führungspositionen unseren Markt ankurbeln, lassen Mädchen aber geradezu in den Minderwertigkeitskomplex laufen. Wir sehen eine deutlich höhere männlich Gewaltbereitschaft und Kriminalität, stempeln hohes aggressives Verhalten aber als “eben männlich” ab und helfen Jungen weniger, ihre Gefühle zu kommunizieren. Die größte Gefahr für Kinder und Frauen ist die häusliche Gewalt und wir erzählen Mädchen dennoch von ihrem Prinzen zu träumen. Beide Partner tun sich mit dem alten Rollenmodell schwerer und vor allem Frauen leiden an Isolation und Depressionen.

Gendernormen sind tief verwurzelt in unserer Geschlechtsidentität und damit Teil unseres Selbstwertes. Besonders auf Individuen, die sich sehr über ihr Geschlecht definiert haben, kann jede Veränderung der sozialen Geschlechterrollen bedrohlich wirken. Aufklärung hilft!


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Gender-neutral
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Quellen: 

  1. nature.com Abruf 28.08.2019
  2. businessinsider Abruf 27.08.2019
  3. Field, 1978 (nach Bischof-Köhler 2006)