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Geschlechterstereotype – 2 Welten unserer Gesellschaft

  • mit der pink-blau Erziehung fördern wir eine Zukunft der Diskriminierung, Oberflächlichkeit und Kaltherzigkeit
  • Eltern sind sich den Konsequenzen ihres Verhaltens oft nicht bewusst
  • Mädchen entwickeln Minderwertigkeitskomplexe
  • Jungen können ihre Gefühle nicht ausdrücken und Probleme nicht verbal lösen
Themenüberblick:
Geschlechterstereotypische Vorstellungen
Wirkung von Geschlechterstereotypen
Stereotypisierung in 2 Welten
Vorurteile gegen das weibliche Geschlecht
Wirkung von Intervention

Die Happy Jona – Werte:

✓ Gleichheit   ✓ Ehrlichkeit   ✓ Neugier   ✓ Empathie   ✓ Respekt


Geschlechterstereotypische Vorstellungen

Im Rahmen der BBC Dokumentation “No more boys and girls” besuchte Dr. Javid Abdelmoneim eine britische Grundschule. Er wollte verstehen, welche Geschlechtsstereotype in diesem Alter bestehen. Zudem wollte er herausfinden, welche Konsequenzen diese Stereotypen auf die Kinder und ihre Entwicklung haben.

Die Kinder nahmen an diversen Tests teil. So ordneten die Kinder in einem dieser Tests Begriffe dem Geschlecht zu, welchem es ihrer Meinung nach besser entsprach. Hier einige Beispiele aus den Ergebnissen:

Jungen: stark, clever, fit, erfolgreich

Mädchen: hübsch, Lippenstift, Kleider, Herzchen

Die Geschlechter stimmten überein und schrieben Adjektive, die sich auf Leistung beziehen Jungen und Attribute, die sich auf das äußere Erscheinungsbild beziehen Mädchen zu.

Mädchen und Jungen vor der Pubertät unterscheiden sich nicht in Körperstärke oder kognitiver Leistung. Schulisch liegen Mädchen im Schnitt sogar leicht über den Leistungen der Jungen. Es ist also fraglich, warum die Kinder auf unterschiedliche Bezugssysteme für ihre Selbsteinschätzung zurückgreifen.

Wirkung von Geschlechterstereotypen

Das fehlende Selbstbewusstsein der Mädchen sticht nicht nur in dem BBC Interview. Viele weitere Studien zeigen einen solchen Trend. Dementsprechend schätzen Mädchen ihre eigene Leistung geringer ein, als sie tatsächlich ist. Drei mal mehr Jungen als Mädchen der Klasse aus der Dokumentation überschätzten ihre eigene Leistung. Darüberhinaus dachten die Hälfte der Jungen von sich, der Beste der Gruppe zu sein, wohingegen es bei den Mädchen zehn Prozent waren.

In einem der durchgeführten Tests hatten die Kinder eine Aufgabe, Worte zu finden, um verschiedene Gefühle zu beschreiben. Dabei taten sich Jungen deutlich schwerer. Tatsächlich fielen ihnen nur Worte für das Gefühl „sich zu ärgern“ ein. Zusätzlich zeigten 63 Prozent der Jungen Probleme, mit ihren Emotionen umzugehen. Ein Junge rastete aus, als er nicht die Leistung erbringen konnte, die er von sich selbst erwartete. Er konnte seine Frustration weder bändigen, noch in Worten ausdrücken.

Stereotypisierung in 2 Welten

Der Klassenlehrer in der BBC Dokumentation gab sich seiner Ansicht nach bereits Mühe, Kinder gleichberechtigt zu behandeln. Dennoch gab er Mädchen Kosenamen wie “my love, sweetpee, my darling” und Jungen “mate, fellow” und sogar “Sir”. Der Moderator befragte die Kinder dazu. Die Unterschiede waren den Kindern nicht nur bewusst, sie verstanden die enthaltene Aufwertung der Jungen sowie die Abwertung der Mädchen. Auf den Vorschlag, dass der Lehrer von nun alle Kinder “sweetpee” nennen könnte, zeigten die Jungen sehr negative Reaktionen.

Auch die Bücher im Klassenzimmer unterfütterten die zwei verschiedenen, klar definierten Welten. Zum Beispiel waren Helden männlich. Zusätzlich untermauerten Farben welche Bücher für Jungen und welche für Mädchen bestimmt sind. Auch das Spielzeug bei den Kindern zu Hause manifestierte zwei verschiedene Welten. Mädchen besaßen pinke Kleidchen, Puppen und generell viele Sachen, die mit Äußerlichkeiten zu tun haben. Jungen besaßen mehr Spielzeug zum bauen und knobeln. Zudem war ihr Spielzeug gewaltverherrlichender.

Der Moderator stellte fest:
Wenn wir den Kindern nur schenken, was wir glauben,
sie mögen, wird das einen Effekt darauf haben, welche
Fähigkeiten sie haben werden.

Kinder kommen nicht mit einer Farbpräferenz für pink oder blau zur Welt. Sie wird ihnen nahegelegt, wenn nicht gar aufgedrängt durch die Klamotten, die ihnen angezogen werden; durch die Spielsachen, die sie bekommen; durch die Rückmeldungen aus ihrem Umfeld; durch die klaren und penetranten Botschaften im Marketing; durch Gleichaltrige, die auf gleiche Rückmeldungen stoßen; durch die Aufteilung unserer Welt in pink und blau. In der religiösen Farbsymbolik stand rot für Männlichkeit. Rosa wurde als „das kleine Rot“ Jungen zugeordnet. Mädchen trugen blau, weil dies die Farbe der Jungfrau Maria war1. Wir geben Farben Bedeutung. Nun ordnen wir rosa und pink nicht nur Mädchen zu, wir heften der Farbe eine Bewertung an. Jungen sagen wir, rosa sei eine Mädchenfarbe. Sagen wir damit, dass die Farbe Jungen nicht würdig ist?

Die pinke Welt

In der pinken Welt geht es um Äußerlichkeiten, nicht um Leistung. Welchen „Job“ geben Eltern ihrer Tochter, wenn sie ihr ein rosa Kleidchen anziehen? Botschaften wie „Sei die beste auf dem Spielplatz“ oder „Sei selbstbewusst und kümmere Dich nicht darum, wie andere Dein Äußeres bewerten“ sendet es jedenfalls nicht. Nicht nur offline, auch online ist Spielzeug für Kinder nach Geschlecht kategorisiert. Der rosa Bereich ist meist dominiert von Puppen inklusive Zubehör. Das Institute of Engineers fand heraus, dass Spielzeug mit einem wissenschaftlichen Fokus drei mal häufiger “typisches Jungenspielzeug” ist.

Eltern kaufen die pinken Sachen und unterstützen somit die geschlechtsdifferenzierende Marketingstrategie und der Kreislauf verstärkt sich. Sie glauben, dass es ihrer Tochter gefällt. In der Regel freut sich die Tochter auch, schließlich hat sie gelernt, sich mit der Farbe zu identifizieren. Eltern müssen jedoch bedenken, dass es nicht Aufgabe der Kinder ist, über den Tellerrand hinauszuschauen. Die Tochter wird nicht von sich aus eines Tages realisieren „Liebe Umwelt, ab jetzt möchte ich bitte mit Spielzeug spielen, das meinen Selbstwert steigert und womit ich wichtige Fähigkeiten trainiere“.

Im Rahmen der BBC Dokumentation spielten Erwachsene mit fremden Kindern. Was sie dabei nicht wussten, war, dass die Kinder ihnen unter falschem Geschlecht vorgestellt wurden. Die Testpersonen boten Kindern, die sie für Mädchen hielten, Puppen an. Kinder, die sie für Jungen hielten, versuchten die Testpersonen für Roboter und körperlich anregende Spielsachen zu begeistern. Eine Frau kommentierte, nachdem sie über das Experiment aufgeklärt wurde:

“Wir versuchen, unseren Kindern beizubringen, dass sie alles 
sein können und drängen ihnen dennoch eine Identifikation auf.”

Die blaue Welt

Jungen sind Opfer einer stärkeren Vorgabe, was für ihr Geschlecht angemessen sei und was nicht. Während bei Mädchen untypisches Verhalten eher akzeptiert wird, treffen Jungen teils auf harte Reaktionen, nicht zuletzt von ihren Vätern2. Folglich bewerten auch Jungen untereinander stärker ihr Verhalten auf Angemessenheit. Desto beschämender eine solche Erfahrung für einen Jungen ist, umso größer ist sein Anreiz, sich von der Gruppe “Mädchen” abzugrenzen und diese abzuwerten. Eine Alternative wäre, dem Jungen freundlich und unvoreingenommen soziale Normen zu erklären.

Heutige stereotypische Vorstellungen unterstellen dem weiblichen Geschlecht die höhere Expressivität und dem männlichen Geschlecht eine eingeschränkte Emotionalität. Am Lebensanfang scheint jedoch das Gegenteil der Fall zu sein. Mädchen zeigen eine höhere Emotionskontrolle, während Jungen tendenziell emotional labiler sind3. Das zeigt sich unter anderem in Experimenten zum Sicherheitsmanagement von Kindern. Jungen haben dementsprechenden Aufwand, sich diesen Stereotypen anzupassen.

Vorurteile gegen das weibliche Geschlecht

In einer Studie von Meyer & Sobieszek 1972 (nach Bischof-Köhler 2006, S. 60) beobachteten Erwachsene geschlechtsneutral gekleidete Kinder beim Spielen. Anschließend schätzten die Testperson das Geschlecht der Kinder und beschreiben deren Verhalten. Es zeigte sich, dass die Erwachsenen ein und demselben Verhalten verschiedene Begriffe gaben je nach Geschlecht, dem sie das Verhalten zuschrieben. So bezeichneten sie beispielsweise bei Jungen als „lebhaft“, was sie bei Mädchen als „aggressiv“ beschrieben. Hierbei fällt auf, dass die Worte auch unterschiedliche Wertungen vornehmen. Sie griffen für ihre Beurteilung von Jungen und Mädchen auf unterschiedliche Bezugssysteme. Scheinbar empfanden die Erwachsenen das Verhalten bei Jungen wünschenswert und bei Mädchen nicht.

Auch eine ähnliche Studie von Maccoby & Jacklin, 1974 zeigt eine generelle Abwertung des weiblichen Geschlechtes. Hier beschrieben Teilnehmer das Verhalten der Geschlechter in einer Schulklasse. Dabei nutzten sie in Beschreibungen für “typisch weibliche” Tätigkeiten eher abwertende Begriffe (Monotonie statt Geduld, Ängstlichkeit statt Vorsicht), bei “typisch männlichen” hingegen positive (Energie statt Unbeherrschtheit, aktiv statt störend). Zu bemerken ist, dass das männliche Verhalten den Unterricht störte und sogar aufhielt.

Einige der Auswirkungen der tief verwurzelten Vorurteile gegen das weibliche Geschlecht auf unsere Gesellschaft und Wirtschaft sind weitreichend diskutiert. Eine Studie der Boston Consulting Group (BCG) zeigt beispielsweise, dass fehlende Frauen in Führungspositionen Unternehmen Milliarden kosten. Männlich geprägte Unternehmensstrukturen verhindern, dass wir das Potenzial, welches Frauen an Tisch bringen können, nutzen4. 23,7 Prozent der befragten Frauen geben an, häufig im Beruf mit Vorurteilen aufgrund ihres Geschlechtes konfrontiert zu sein im Vergleich zu 9,3 Prozent bei den Männern5. Eine Studie von Hoffmann, A. & Musch, J. (2018) vom Institut für Experimentelle Psychologie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) zeigt, dass 45 Prozent der Männer und 28 Prozent der Frauen Vorurteile gegen Frauen in Führungspositionen zeigen6.

Wirkung von Intervention

Innerhalb weniger Wochen des Experimentes von BBC konnten Mädchen ihren Selbstwert beträchtlich steigern und durch gezielte Übungen Jungen im Bezug auf räumliches Denken einholen. Jungen zeigten 57 Prozent weniger schlechtes Verhalten und lösten viele Konflikte durch Kommunikation. Darüberhinaus konnten sie ihre Fähigkeit verbessern, Emotionen zu identifizieren.

Junge nach dem Experiment: 
“Ich dachte, dass Jungen stark sind, weil das jeder sagt.
Jetzt weiß ich, dass Mädchen und Jungen stark sind.”

Eltern waren erstaunt und emotional angesichts dieser Ergebnisse. Die meisten von ihnen würden ihr Verhalten sofort ändern, wenn sie wüssten, welche Botschaften sie ihren Kindern mit scheinbar harmlosen Geschenken, Aussagen und Verhalten senden. Hier setzt Happy Jona an. Wir bereiten Studienergebnisse auf, damit Eltern schnell und einfach von dem Wissen profitieren können. Nur wenn man Zusammenhänge versteht, ist es plötzlich ganz einfach, den Kreislauf zu brechen


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Angeborene Geschlechtsunterschiede

Um die aufgebauten Stereotype aufzubrechen, muss man zunächst neu lernen, welche Geschlechtsunterschiede tatsächlich bestehen.

Congenital gender differences - Happy Jona

Quellen:

  1. welt.de Abruf 18.07.2019
  2. Bischof-Köhler „Von Natur aus anders“ 2006 S. 55
  3. Malatesta und Haviland nach Bischof-Köhler 2006, S. 102
  4. derstandard.at Abruf 17.07.2019
  5. statista.com/ Abruf 17.07.2019
  6. www.wirtschaftspsychologie-aktuell.de Abruf 17.07.2019