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Angeborene Geschlechtsunterschiede

  • der Ursprung von Stereotypen liegt oft in tatsächlichen Geschlechtsunterschieden
  • Geschlechtsunterschiede sind Promis in Medien, Forschung und Marketing
  • wer oft genug nach Geschlechtsunterschieden sucht, wird welche finden – ob sie existieren, oder nicht (Menge an Tests)
  • es ist schwer nachzuvollziehen, inwieweit Geschlechtsunterschiede angeboren oder sozialisiert sind
Themenübersicht:
(Anlage + Sozialisierung)x = Stereotyp
Interaktion von Anlage, Sozialisierung und Stereotyp
Die Mega-Promis
Wer sucht, der findet
Nochmal?

(Anlage + Sozialisierung)x = Stereotyp

Diese Formel bedarf einer Erklärung:

„Anlage“ …genetische Anlage → angeborene Geschlechtsunterschiede
„Sozialisierung“ …sozialisierte Geschlechtsunterschiede → Geschlechtsunterschiede, die aufgrund des Einflusses der Umwelt erlernt werden
„Anlage + Sozialisierung“ …die tatsächlich vorhandenen Geschlechtsunterschiede (angeboren und/ oder erlernt)
„(Anlage + Sozialisierung)x“ …tatsächlich vorhandenen Geschlechtsunterschiede ins Unerkenntliche exponiert
→ der Ursprung von Stereotypen liegt oft in tatsächlichen Geschlechtsunterschieden. Diese wurden dann allerdings pauschalisiert und überdimensioniert. Am Ende haben Stereotype dann nicht mehr viel mit der Realität zu tun.

 

  *Zu welchem Anteil die einzelnen Bestandteile zu einem Stereotyp beitragen, ist unbekannt. Die gewählten Zahlen sind Beispiele und dienen der Veranschaulichung.

Die Visualisierung zeigt, dass Stereotype zu Geschlechtsunterschieden zum größten Teil falsch sind. Es wirken verschiedene Effekte der menschlichen Psyche zusammen, wenn wir Unterschiede pauschalisieren und überdimensionieren.

Interaktion von Anlage, Sozialisierung und Stereotyp

Wenn wir einen Geschlechtsunterschied beobachten, ist es schwer festzustellen, ob und inwieweit dieser angeboren oder erlernt ist. Theoretisch müsste man Menschen in völliger Isolation aufwachsen lassen, um auszuschließen, dass ein Verhalten erlernt worden ist. Lernen tut man am Modell, durch Nachahmung aber auch durch wahrgenommene Erwartungshaltungen des Umfeldes. Wenn ich in der Kirche hüpfe, wird mir mein Umfeld schnell zu verstehen geben, dass mein Verhalten nicht angebracht ist.

Ein angeborener Geschlechtsunterschied wird oft zusätzlich sozialisiert. Nehmen wir an, ein Junge hat eine angeborene Disposition zum Gitarre spielen. Er zeigt von sich aus Interesse am Instrument. Seine Eltern lernen von seinem Talent und möchten ihn fördern. Sie entschließen sich, ihn Gitarrenunterricht nehmen zu lassen. Das angeborene Interesse des Jungen wird zusätzlich durch seine Eltern sozialisiert.

Jetzt nehmen wir an, Jungen hätten im Vergleich zu Mädchen ein größeres Interesse am Gitarre spielen. Das könnte so aussehen, dass sich 25 Prozent der Mädchen und 30 Prozent der Jungen für das Gitarre spielen interessieren. Niemand würde sich die konkreten Zahlen merken. Stattdessen würde sich als Stereotyp bilden „Jungen spielen gerne Gitarre“. Nur Eltern, die glauben, ihr Kind hätte Interesse, schicken es zum Gitarrenunterricht. Das Ergebnis könnte so aussehen, dass 50 Prozent der Jungen und 5 Prozent der Mädchen Gitarrenunterricht bekommen. Das angeborene Unterschied von 25 versus 30 hätte sich durch Einfluss des Stereotyps und Sozialisierung durch die Eltern auf 5 versus 50 dramatisiert.

In der Realität bliebe es nicht nur beim Verhalten der Eltern. Wenn die Jungen und Mädchen selbst das Gitarre spielen für eine Jungenaktivität hielten, würden sich auch ihre Präferenzen anpassen. Stereotype verändern die Norm innerhalb einer Gesellschaft. Die Population nähert sich daraufhin tatsächlich dem Stereotyp an. Man spricht in diesem Fall von einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung

Die Mega-Promis

Welche Frau braucht sie nicht – die Bratwurst speziell für Frauen. Auch Gewürzgurken gibt es getrennt nach Geschlecht. Nicht, dass sich das Produkt irgendwie unterscheidet, aber der Sticker auf dem Glas ist anders. Was sollen die verzweifelten Marketing-Teams auch tun, wenn ihre Aufgabe ist, die Zielgruppe weiter zu spezifizieren. Zielgruppen nach ihrem Nutzerverhalten aufzuteilen, ist so kompliziert und Geschlecht zieht doch immer, oder?

Was würde Comedians tun, wenn sie nicht Verhaltensdispositionen der Geschlechter ins Lächerliche übertreiben könnten? Sag einfach entsprechend pointiert das Wort “Frauen” nach irgendeinem Satz und es werden ein paar Leute anspringen. Geschlecht zieht doch immer, oder?

News-Artikel, Bücher, Kaffeeklatsch. Geschlecht zieht doch immer, oder? Sie sind Mega-Promis in allen Bereichen und wie das bei echten Mega-Stars so ist, wird man ungefragt von Informationen über sie überschüttet und hört nur wenig Wahrheit und stattdessen bis zur Unkenntlichkeit aufgeputschte und teils schlichtweg falsche Geschichten. Durch die ständigen Anstöße, Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu sehen, wird unser Gehirn darauf trainiert. Wir übersehen die Masse an Gemeinsamkeiten und fokussieren uns auf die tendenziellen Unterschiede.

Unser Gehirn – selbst wenn das Bewusstsein ab und zu einschreitet – saugt alles brav auf. Angesichts der Menge an Wiederholungen kann sich das Unterbewusstsein kaum wehren, die übertriebenen Geschlechtsunterschiede auf die gleiche Etage zu setzen wie Faktenwissen. Informationen, die wir oft genug hören, glauben wir, selbst wenn wir der Informationsquelle nicht vertrauen. Tatsächlich vergessen wir die Quelle und speichern einfach die Informationen. Und bevor wir uns versehen, kaufen wir plötzlich Bratwürste entsprechend unserem Geschlecht.

Wer sucht, der findet

Und auch Forscher schauen sich standardmäßig in Tests an, ob es im Verhalten der Geschlechter einen Unterschied gibt. Nehmen wir zum Beispiel Folgendes an: Ich habe bei ganz vielen Menschen die Zeit gemessen, die sie brauchten, um einen bestimmten Zaubertrick zu lernen. Im Schnitt brauchten die Teilnehmer drei Stunden Lernzeit, um den Trick sauber vorzuführen. Einige brauchten nur eine knappe Stunde, andere den ganzen Tag. Nun möchte ich wissen, ob es innerhalb aller Teilnehmer bestimmte Gruppen gibt, die besonders schnell gelernt haben. Anderen Zauberern sollte es zum Beispiel leichter fallen, einen neuen Trick zu lernen. Ich schaue also, ob es Unterschiede gibt, wenn ich die Leute in ihre Berufsgruppen einteile. Fast immer schauen sich Forscher dann eben auch an, ob es Geschlechtsunterschiede gibt. Wie gesagt, Geschlecht geht immer.

Da gibt es nun ein Problem. „Von 20 Tests auf Geschlechterdifferenzen liefert einer sicher ein statistisch signifikantes Ergebnis – auch ohne dass es einen Unterschied zwischen den Gruppen gibt“ sagt Cordelia Fine, Neurowissenschaftlerin an der University of Melbourne in Australien1. Desto mehr wir nach Unterschieden auf einem Merkmal (Geschlecht) suchen, desto mehr Unterschiede werden wir auch finden – unabhängig davon, ob sie existieren.

Nochmal?

Warum macht Happy Jona Geschlechtsunterschiede denn jetzt nochmal zum Thema? Leider ist es nicht möglich, den Teil der Stereotype einfach wegzunehmen, den unsere Gesellschaft angedichtet hat. Stattdessen müssen wir bei Null anfangen und neu lernen, welche Geschlechtsunterschiede tatsächlich angeboren sind.

Hier einige der spannenden Themen, die uns erwarten:

  1. Evolution von Geschlechtsunterschieden
  2. Warum 2 Geschlechter?
  3. Was ist die parentale Investition
  4. Unterschiede in Anatomie, Hormone und Genetik
  5. Gibt es angeborene Unterschiede in der kognitiven Leistung?
  6. Unterschiede in der Selbsteinschätzung
  7. Die moralische Frage
  8. Zwei Welten der Dominanz
  9. Partnerschaft – wie passt das zusammen?

» nächstes Thema:

Evolution von Geschlechtsunterschieden

Wir gehen der Frage auf den Grund, was es bedeutet, dass Geschlechtsunterschiede angeboren sind!

evolution - Happy Jona

Quellen:  1. spektrum.de Abruf 19.07.2019