Zwei Welten der Dominanz

  • durch klare Aufgabenverteilung standen Geschlechter kaum miteinander in Konkurrenz
  • es haben sich 2 verschiedene Dominanzstrategien entwickelt
  • Frauen nutzen die prosoziale Dominanz
  • Männer bedienen sicher beider Strategien: egoistische und prosoziale Dominanz
Themenüberblick:
Geltungshierarchie
Dominanzhierarchie

Unsere Vorfahren teilten Verantwortungsbereiche klar unter den Geschlechtern auf. Vermutlich erhöhten sie damit ihre Überlebens- und Fortpflanzungswahrscheinlichkeit. Die klare Aufteilung verhinderte, dass die Geschlechter untereinander in Konkurrenz traten. Vielleicht liegt darin der Grund, weshalb sich zwei unterschiedliche Dominanzstrategien entwickelt haben: die Geltungshierarchie und die Dominanzhierarchie. Während Männer beide Strategien anwenden, bleibt Frauen überwiegend nur die Geltungshierarchie.

Geltungshierarchie (prosoziale Dominanz)

Eine Geltungshierarchie ist dadurch gekennzeichnet, dass man sich Ranghöhe nur verdienen kann. Sie wird von der Gruppe zugestanden, aber auch regelmäßig wieder entzogen und neu vergeben. Weil die Ranghöhe durch Verhalten erlangt wird, welches für die Gruppe hilfreich ist, bezeichnet man sie als prosoziale Dominanz.

Innerhalb einer Geltungshierarchie ist Raum gegeben, Rang immer wieder anzupassen und zu korrigieren. Wenn es brennt, würde die Gruppe Feuerwehrleuten einen höheren Rang zusprechen. Im Fall einer Grippe hätten Ärzte bessere Chancen. Neben der aktuellen Situation und Fachkenntnissen können Faktoren wie Verantwortungsbewusstsein, Hilfsbereitschaft, Alter und Erfahrung eine Rolle spielen.

Prosoziale Dominanz geht mit Anerkennung und Lob einher und erhöht nicht nur den Rang, sondern gleichzeitig den Selbstwert. Im Streben danach kommt es auch zu ungefragtem Rat oder gnadenloser Bevormundung.

Eine eher weibliche Strategie

Die soziale Motivation passt zu Eigenschaften, die im weiblichen Geschlecht etwas stärker ausgeprägt sind. Frauen definieren sich mehr über das Bild, das andere von ihnen haben. Geltung ihres Umfeldes dürfte für sie eine größere Rolle spielen als für Männer. Dazu kommt die aufrichtige Sorge um andere. Das höhere soziale Interesse im weiblichen Geschlecht gilt als nachgewiesen. Fraglich bleibt, ob die Motivation, anderen zu helfen, mit einer tatsächlich höheren Empathie im weiblichen Geschlecht einhergeht.

In einer Mädchengruppe, die zu Studienzwecken beobachtet wurde, untersagte man einem Gruppenmitglied die angestrebte Geltung, indem man die geteilten Ratschläge ignorierte oder bei Dritten schlecht über die Ratgeberin redete. Ranghohe wurden hingegen imitiert und erhielten Komplimente. Beliebte Mädchen kümmerten sich um andere1. Versuche unter Mädchen, aggressiv zu führen, waren langfristig weniger erfolgreich.

In der Gesellschaft

Die Strategie der Geltungshierarchie stellt eine Basis für Demokratie. Die Mehrheit der Population entscheidet und der Einzelne hat nur begrenzte Macht, da die Ranghöhe von der Gruppe entzogen werden kann. Zudem ist das Konzept der Geltungshierarchie Grundlage für Meritokratie, in der Entscheidungsträger aufgrund ihrer Kompetenz gewählt werden. 

Gleichzeitig kann es innerhalb einer Geltungshierarchie manchmal schwer werden, eine Entscheidung zu treffen, wenn niemand nachgeben will. Eine Organisationen beugt solchen Problemen jedoch vor, indem Rollen klare Indikatoren für Kompetenzbereiche sind. So ist für jedes Thema klar, wer Entscheidungsträger und wer hingegen Inputgeber ist.

Obwohl in einer Geltungshierarchie das Wohlbefinden anderer im Mittelpunkt steht, geht es gleichzeitig auch um Macht. Eine Motivation ist das Spüren der eigenen Überlegenheit und die Demonstration von Kompetenz. Auch das Aberkennen eines Geltungsbereiches geht mit einem Machtgefühl einher. Somit ist auch die prosoziale Dominanz ethisch fragwürdig. Da das Wohlergehen anderer aber zumindest einen Teilaspekt darstellt, ist das “besser als das geistlose Geprotze ästeschwingender Machos” wie es Bischof-Köhler (2006, S. 316) formuliert. Gemeint ist die im männlichen Geschlecht evolutionierte Dominanzhierarchie.

Dominanzhierarchie (egoistische Dominanz)

Eine Dominanzhierarchie kennzeichnet eine klare und stabile Rangstruktur. Der Ranghöchste hat sämtliche Vorrechte. Da die Motivation hinter dieser Strategie ausschließlich der eigene Vorteil ist, verdient sie wohl den Namen der egoistischen Dominanz.

Eine eher männliche Strategie

Bei Arten, in denen die parentale Investition der Männchen gering war, mussten diese um das Interesse der Weibchen konkurrieren. Durch Demonstration der eigenen Überlegenheit, versuchten sie, Weibchen zu imponieren und andere Männchen zum Aufgeben zu bewegen (assertive Aggressivität).

Auch heute erfreut sich die Dominanzstrategie beim Menschen noch an Beliebtheit. Vor allem Männer wenden sie an, indem sie sich selbst aufpolstern, oder andere übertönen, lächerlich machen oder beleidigen. Eigentlich handelt sich um jedes Verhalten, welches die Intention verfolgt, das Gegenüber zum Aufgeben zu bewegen.

In der Gesellschaft

Niederrangige einer Dominanzstrategie unterwerfen sich dem Wunsch der Ranghöheren und hinterfragen dessen Kompetenz nicht. Eine solche Kultur bietet keinen Raum für faire Entscheidungen, Objektivität, Kreativität oder Belange des Einzelnen. Sie ist Basis für Ungleichheit und Willkür.

Nicht zuletzt erinnert eine Dominanzhierarchie an eine Monarchie, in der eine einzelne Person im Besitz der Machtmetropole ist. Ein Monarch kann nicht abgewählt werden, selbst wenn die Mehrheit unzufrieden ist. Zudem trifft der Monarch sämtliche Entscheidungen unabhängig von der eigenen Kompetenz.

Trotz allem hat eine Dominanzhierarchie den Vorteil, dass Entscheidungen schnell getroffen werden können. Wenn ein Treib unerwartet nachts angegriffen wird, muss man sich beispielsweise schnell einigen, ob man flieht oder kämpft. Der Ranghöchste trifft die Entscheidung und alle anderen ordnen sich dieser unter. Ob die Entscheidung gut ist oder nicht, bleibt währenddessen eine andere Frage.

Treffen sich zwei Dominanzstrategien …

Heute treten die Geschlechter nicht nur auf Arbeit in Konkurrenz, sondern auch zu Hause. Viele Männer sind „flüssig“ in beiden Strategien, während die Mehrheit an Frauen ausschließlich in der Geltungshierarchie denken und agieren.

Nun stelle man sich vor, wie X versucht, Geltung von Y zu erlangen. Der wiederum agiert ganz im Sinne der egoistischen Dominanzstrategie mit assertivem Verhalten. Hilfsangebote, Lösungsansätze und Ratschläge treffen auf Übertönung und Lächerlichmachen.

X ist frustriert, weil ihre Lösungsvorschläge nicht ernst genommen werden und sie sehr unfreundlich und unfair behandelt wird. Y ist frustriert, weil er immer noch nicht seinen Willen durchsetzen konnte. Beide drehen innerhalb ihres Kanals auf. X erklärt erneut ihre Lösungsansätze und ermahnt zu Konstruktivität. Y wird lauter und unausstehlicher.

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Evolution von Kooperation

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Quelle: 1. Sarin-Wiliams 1979 nach Bischof-Köhler 2006