woman and man shaking hands

Gender – das soziale Geschlecht

  • das soziale Geschlecht (Gender) bezeichnet die Rolle, die einem Geschlecht in der Gesellschaft zukommt
  • diese Rollen sind flexibel über Kulturen und Zeit
  • wir vermitteln Kindern und jungen Erwachsenen sich widersprechende Gender-Visionen
  • wir halten an überholten Gender-Stereotypen fest
  • genderneutrale Erziehung ≠Geschlechtsunterschiede wegradieren = nicht künstlich Unterschiede schaffen
Themenübersicht:
Was ist ein soziales Geschlecht (Gender)?
Abgrenzung zum biologischen Geschlecht
Kulturübergreifende Geschlechterrollen
Genderkonforme Erziehungsideale
Gender als Antiquität
Ein genderfreies Ideal

Unsere Gesellschaft vermittelt jungen Erwachsenen grenzenlose Möglichkeiten im digitalen Reich. Gleichzeitig definieren wir aber für Kinder durch eine pink/ blau Welt ganz klare Geschlechterrollen. Dieses vorgegebene soziale Geschlecht (Gender) grenzt nicht nur die Perspektiven und Entwicklungsrichtungen der Kinder ein. Durch die enthaltenen Wertungen haben sie zusätzlich einen ungesunden Einfluss auf den Selbstwert der Kinder.

Dieser Widerspruch in der Vermittlung von Gender kann ein Resultat daraus sein, dass wir bestehende Geschlechterrollen überholt haben und trotzdem an ihnen festhalten.

Was ist ein soziales Geschlecht (Gender)?

Das soziale Geschlecht (Gender) bezeichnet die Rolle, die eine Gesellschaft einem Geschlecht zuordnet.

Die Weltgesundheitsorganisation bezeichnet Gender als sozial konstruierte Merkmale von Frauen und Männern, wie geschlechtsspezifische Normen, Rollen und Beziehungen. Zum ist das soziale Geschlecht dadurch definiert, dass es sich über verschiedene Kulturen, als auch innerhalb einer Kultur über Zeit  stark verändern kann.

Gendernormen sind flexibel

Es gibt unzählige Beispiele für Normen und Eigenschaften, die zunächst streng einem Geschlecht zugeordnet waren und später dem anderen. Zu beiden Zeitpunkten hätte man die andere Version für nicht möglich gehalten. Ein solches Beispiel sind Absatzschuhe, die ursprünglich für die Jagd auf dem Pferd entwickelt wurden und normalerweise von Männern getragen wurden. Heute erscheint es nicht nur ungewöhnlich, wenn Männer hohe Schuhe tragen. Oft beinhalten Reaktionen eine abwertende Haltung.

Vor den Weltkriegen war es zudem für beide Geschlechter üblich, weiße Kleidchen zu tragen (zu lesen in “Pink and Blue: Telling the Boys from the Girls in America“ von Jo B. Paoletti). Dieses Outfit galt als gender-neutral, da es damals keinen Rückschluss auf das Geschlecht zuließ. In jungen Jahren vereinfachte es das Windeln wechseln. Zudem konnte man das Weiß einfach wieder bleachen. Kinder trugen es bis zu einem Alter von etwa acht Jahren.

Hier zu sehen ist beispielsweise Franklin Roosevelt (bekannt auch als FDR) 1884 in New York:

Franklin Roosevelt (1884) in a dress as was normal
Franklin Roosevelt 1884 in weißem Kleid

Auf die pink-blau-Welt, von der Kinder heute geprägt sind, gehen wir hier (Link folgt bald) in Tiefe ein.

Abgrenzung vom sozialen zum biologischen Geschlecht

In der englischen Sprache unterscheiden sich die Begrifflichkeiten für das biologische Geschlecht (“sex”) und das soziale Geschlecht (“gender”), welche sich inzwischen auch im Deutschen durchgesetzt hat. Das biologische Geschlecht ist definiert durch anatomische, genetische, als auch angeborenen Verhaltensunterschiede der Geschlechter.

Das soziale Geschlecht ist in der Regel nicht völlig aus der Luft gegriffen, sondern findet seinen Ursprung (wenn auch über sehr viele Ecken und oft basierend auf Stereotypen statt Fakten) in biologischen Geschlechtstendenzen.

Was genau gibt uns die Biologie denn vor?

Frauen gebären Kinder. Das war es auch schon. Frauen können Kinder gebären, Männer nicht. (Nicht jeder Mensch hat sich fortgepflanzt. Aber, wer sich nicht fortgepflanzt hat, gab seine Gene auch nicht weiter und hatte somit keinen Einfluss auf angeborene Tendenzen der nächsten Generation)

Da die Frau das Kind trägt, hat sie von Anfang an die höhere Investition pro Nachkomme (man spricht von einer asymmetrischen parentalen Investition zwischen Frau und Mann). Sämtliche angeborene Geschlechtsunterschiede sind auf diese asymmetrische parentale Investition zurückzuführen und sind hier im Einzelnen besprochen. Und evolutorischer Theorie nach ist dadurch ihre Motivation höher, die Chancen des einzelnen Nachkommen zu erhöhen und eine hervorragende Brutpflege zu leisten.

Falls angeborene motivationale Unterschiede tatsächlich bestanden, könnten sie einen Einfluss gehabt haben, wie sich die Geschlechterrollen innerhalb Gesellschaften, unter gegebenen Umwelteinflüssen und in Interaktion miteinander entwickelt haben.

Biologisches oder soziales Geschlecht – Henne oder Ei?

Was war zuerst da – der biologische Unterschied der Geschlechter oder die Rolle, auf die sich die Geschlechter spezialisieren mussten? Unsere zugrundeliegende Frage ist, ob man durch Umstellen der Geschlechterrollen auch biologische Aspekte beeinflussen kann. Die Antwort ist ja!

Das sogenannte “Brutpflegehormon” Prolactin produzieren Mensch als auch Tier und sowohl Mütter als auch Väter. Papas sind deswegen tatsächlich ein wenig mit schwanger und werden ebenfalls vorbereitet, Verantwortung für ein Kind zu übernehmen. Bei ihnen verdrängt das Brutpflegehormon das Sexualhormon Testosteron. Interesse zu rivalisieren löst sich ab gegen Bedürfnisse, das Baby zu halten, füttern und Windeln zu wechseln. Wenn das Baby aber wegen des Stillens sehr mit Mami bindet, fühlen sich viele Papis etwas verdrängt in die Rolle des Zuschauers und Spielpartners und das Brutpflegehormon nimmt bei ihnen ab, bis sie den normalen Testosteronstand wieder erreicht haben. Bauen Väter das Brutpflegehormon mit der Zeit automatisch ab und zeigen deswegen wieder mehr Interesse an Beruf und weniger an Familie, oder fühlen sie sich zu Hause weniger gebraucht, kümmern sich um den Beruf und bauen als Folge Prolactin ab?

Eindeutiger wird es, wenn wir uns das Gehirn anschauen. Mit Durchführung verschiedener Fähigkeiten werden bestimmte Bereiche im Gehirn angesprochen. Training von feinmotorischen Fähigkeiten verändert das Gehirn, und zwar speziell eine Gruppe Nervenzellen in einer Region des Mittelhirns namens Nucleus ruber. Das fanden Forscher der Universität Basel heraus4.

» der Happy Jona Shop kategorisiert Spielzeug nach den Fähigkeiten, die Kinder trainieren

Transgender

Eine Person kann ein anderes soziales Geschlecht haben als ihr biologisches Geschlecht. Einerseits kann es zu einer Fehlentwicklung des biologischen Geschlechtes kommen. Personen können sich aber auch frei mit dem anderen biologischen Geschlecht identifizieren. Wir sprechen in diesem Fall von einem Transgender.

Kulturübergreifende Geschlechterrollen

Unterschiedliche Normvorstellungen für die Geschlechter, die über die Fortpflanzung hinaus gehen, gibt es in jeder Kultur. Als typisch männliche Tätigkeiten gelten bis heute eher körperlich anstrengende Arbeiten, für die Kooperation notwendig ist und die einen größeren Bewegungsradius beanspruchen. Dazu gehören Jagd großer Tiere, Kriege führen, Herstellung von Waffen, Fertigung von Musikinstrumenten, Umgang mit Viehherden, Fischerei sowie Vorbereitungsarbeiten für den Ackerbau.

Als typisch weibliche Tätigkeiten galten bis heute eher individuelle Arbeiten, die geringere Mobilität erfordern. In manchen Kulturen gehört aber auch das Wasser holen und Lasten tragen zu den weiblichen Tätigkeiten, obwohl es körperlich sehr beanspruchend ist und erfordert, eine hohe Distanz zurückzulegen. Eher weibliche Aufgaben sind Kinderbetreuung, Kochen, Wasserholen, Herstellen/ Reparieren von Kleidern, Töpferei, Getreidemahlen von Hand, Lastentragen, Sammeln von Nahrung, Pflanzen und Ernten von Früchten, Feuermachen- und unterhalten (nach Rudolph 1980).

Zeiten und Kulturen, die untypische Beispiele zeigen: 

  • nach dem zweiten Weltkrieg übernahmen die sogenannten “Trümmerfrauen” den Wiederaufbau der Stadt während sich die meisten lebenden Männer vom Krieg erholen mussten. Sie führten Trambahnen und beseitigten die Trümmer, die der Krie hinterlassen hatte
  • Mead, 1935 (nach Bischof-Köhler, 2006 S. 280) beobachtete viele Kulturen:

→ bei den Arapesh (Neu Guinea) seien beide Geschlechter gütig, sanft und friedfertig. Wenn Männer Führungsrollen übernehmen, dann unwillig

→ bei den Tschambuli seien Frauen aktiv und zielstrebig, schmucklos, die sexuell Aggressiveren und zudem die Hauptversorger der Familien. Männer gehen hingegen künstlerischen Tätigkeiten nach, schmücken sich, üben Tänze ein und kümmern sich vornehmlich um Kinder. Ihr emotionales und psychisches Wohlbefinden ist abhängig von den Frauen und ihren Werten.

Genderkonforme Erziehung

Gender und Rollenverständnis erlernen Kinder nicht nur am Modell und durch Identifizierung mit Geichgeschlechtlichen. Ihre Umwelt erzieht die Geschlechter nach unterschiedlichen Normen. 

Low, 1989 untersuchte Erziehungsideale kulturübergreifend und stellte fest, dass Mädchen eher Werte wie Verantwortlichkeit, Gehorsam, Fleiß, Keuschheit beigebracht wurden. Für Jungen hingegen galt aggressives, tapferes und selbstständiges Verhalten den Idealen. Die Betonung dieser geschlechtsdifferenzierenden Werte war umso geringer in Kulturen, in denen Frauen größeren ökonomischen oder politischen Einfluss hatten.

Selbsterfüllende Prophezeiung

Die Gendervorstellungen unserer Gesellschaft prägen die Entwicklung unserer Kinder.

So ist der männliche Überschwang in MINT Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) genauso wenig durch angeborene Tendenzen der Geschlechter zu erklären wie die überwiegende Mehrheit an Studentinnen im Fach Psychologie. Mädchen probieren sich in “Jungenfächern” oft gar nicht erst aus, weil sie nicht versagen möchten. Jungen wiederum stärken ihren Selbstwert durch besonders “männliche Tätigkeiten”. Tatsächlich sind angeborene Unterschiede in der kognitiven Leistung sehr gering und Kinder vergeuden aufgrund von Stereotypen viel Potenzial.

» mehr unter angeborene Geschlechtsunterschiede in kognitiver Leistung

Eine Studie der Universität Zürich zeigt, dass Männer nicht von Natur aus egoistischer agieren, sondern diese Verhaltenstendenz über das soziale Geschlecht erlernt haben. Jungen stoßen eher auf positives Feedback, wenn sie sich ´durchsetzen´, Mädchen hingegen, wenn sie teilen. Diese Belohnungslogik festigt sich bei den Kindern dann auch neurobiologisch. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass das Belohnungssystem bei Frauen eher bei prosozialem, bei Männern aber bei egoistischem Verhalten anspringt. Wenn wir Kinder also generell für prosoziales Verhalten loben, teilen sie auch im Erwachsenenalter gerne. 

» Lerne hier, mit welchen Übungen Du mit Deinem Kind Empathie trainieren kannst (Link folgt bald) 

Als selbsterfüllende Prophezeiung bezeichnen wir den Effekt, wenn der Glaube an etwas dazu führt, dass es tatsächlich passiert. Viele Eltern erwarten, dass Mädchen weniger begabt sind in Mathe als Jungen und geben diesen Glauben an ihre Kinder weiter. Zu oft führt das dazu, dass Mädchen Mathe erst gar keine Chance geben und am Ende tatsächlich schlechter sind als sie sein könnten. Gleiches gilt für Egoismus. Weil unsere Gesellschaft von Jungen ein egoistisches Verhalten erwartet, geben sie ihnen positives Feedback auf solches. So lernen die Jungen letztendlich tatsächlich ein egoistischeres Verhalten.

Gender als Antiquität

Vielleicht hing zu Zeiten von Jägern und Sammlerinnen das Überleben unserer Spezies von einer effizienten Rollenaufteilung der Geschlechter ab, vielleicht hat es sich aber auch eher zufällig so entwickelt. Mit Entwicklung der letzten Jahrhundert, getrieben von der Industrialisierung haben sich unsere Möglichkeiten exponiert und wir lösten und von einer Abhängigkeit von Rollenzuteilungen. Staubsauger, Mähdrescher, Mikrowelle und Schienenverkehr veränderten die Regeln unserer Gesellschaft.

Heute leben wir in einer Zeit, in der wir dringlich Ingenieure brauchen, lassen aber das Potenzial der halben Population verkümmern, indem wir es der männlichen Rolle zuschreiben. Wir wissen, dass mehr Frauen in Führungspositionen unseren Markt ankurbeln, lassen gleichzeitig Mädchen geradezu in den Minderwertigkeitskomplex laufen. Wir sehen eine deutlich höhere männlich Gewaltbereitschaft und Kriminalität, stempeln hohes aggressives Verhalten aber als “eben männlich” ab und helfen Jungen weniger, ihre Gefühle zu kommunizieren. Die größte Gefahr für Kinder und Frauen ist die häusliche Gewalt und wir erzählen Kindern weiterhin Geschichten über männliche Beschützer und Versorger. Beide Partner tun sich mit dem alten Rollenmodell schwerer und vor allem Frauen leiden an Isolation und Depressionen.

Gendernormen sind tief verwurzelt in unserer Geschlechtsidentität und damit Teil unseres Selbstwertes. Besonders auf Individuen, die sich sehr über ihr Geschlecht definiert haben, kann jede Veränderung der sozialen Geschlechterrollen bedrohlich wirken. Aufklärung hilft!


 

» Nächstes Thema: Gender-neutral (geschlechtsneutral)

Was verbirgt sich hinter einem gender-neutralen Ideal und ist gender-neutrale Erziehung erstebenswert?


Quellen: 

  1. nature.com Abruf 28.08.2019
  2. businessinsider Abruf 27.08.2019
  3. Field, 1978 (nach Bischof-Köhler 2006)
  4. science.apa Abruf 30.08.2019